Cheap Trick: … und nun zu unserem nächsten Trick

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Cheap Trick: … und nun zu unserem nächsten Trick

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Die Optimisten aus Illinois „hatten nichts von alledem geplant“, doch weit im fünften Jahrzehnt ihrer Existenz erleben Cheap Trick einen neuen, späten Kreativitätsschub.

„Der Rock’n’Roll ist eine Achterbahnfahrt, und genauso verlief auch unsere Karriere“, sagt Robin Zander, Leadsänger und Rhythmusgitarrist von Cheap Trick. „Wir hatten über die Jahre so unsere Höhen und Tiefen. Dabei hatten wir nie irgendwelche Ziele, wir machen einfach weiter das, was wir machen, weil wir es lieben. Was soll ich sagen? Ich mag Rocksongs mit guter Energie.“ Zander versucht damit, zwei Dinge zu erklären. Erstens die Langlebigkeit von Cheap Trick, der Band, der er seit 1974 mit charmantem Elan vorsteht. Und dann ist da noch die nach wie vor ungestüme Intensität und Verve ihres jüngsten Albums IN ANOTHER WORLD, das auf 50 wundersamen Minuten ein Konzentrat von allem abliefert, was Cheap Trick am besten können: knackigen Power-Pop, großartige Balladen, Hooks, Harmonien und Glam-Bam-Rock’n’Roll.

Das Album krönt zudem eine produktive Phase so spät in ihrer Karriere, in der sie vier Platten in wenig mehr als vier Jahren veröffentlicht haben. „Wir genießen tatsächlich die Herausforderung des Aufnehmens“, erklärt der flamboyante Leadgitarrist Rick Nielsen mit seinem charakteristischen Baseball-Cap, der Fliege und den verrückten Bühnenposen. „Auf IN ANOTHER WORLD sind 13 Tracks und wir hatten wahrscheinlich noch mindestens ein halbes Dutzend mehr. Zur selben Zeit nahmen wir auch einen Beatles-Song für Howard Stern auf, einen David-Bowie-Track mit [dem Produzenten] Jack Douglas und einen Song für ein Harry-Nilsson-Tribute-Album. Wir arbeiten also gerne. Und wir scheinen nie nach Dingen suchen zu müssen, die wir tun können – sie suchen uns.“

Die Aufnahmen hatten begonnen, als Cheap Trick auf dem Label Big Machine aus Nashville waren, das 2016 mit BANG, ZOOM, CRAZY … HELLO die Rückkehr zu alter Form veröffentlichte, ebenso wie die beiden 2017er Werke WE’RE ALL ALRIGHT! sowie CHRISTMAS CHRISTMAS. Heute sind sie bei BMG unter Vertrag. IN ANOTHER WORLD hätte schon 2019 erscheinen sollen, doch dann machte Covid einen Strich durch die Rechnung. Der Opener ›The Summer Looks Good On You‹ (auch als ›Here Comes The Summer‹ bekannt) voller berstender Lungen und Powerakkorde erschien als Vorgeschmack sogar schon 2018. Diese lange Entstehungszeit schlägt sich stellenweise in den angesprochenen Themen nieder. Bei all dem Pep und Überschwang prickelnder Stücke wie ›Here’s Looking At You‹ oder ›Boys & Girls & Rock’n’ Roll‹ haben Cheap Trick die Ära Trump auf ihre ganz eigene, besondere Ar t kommentiert: ›Another World‹, ›The Party‹ und ›Final Days‹ berichten alle von düstereren, besorgniserregenderen Zeiten. „Ich denke, sie spiegeln wider, wie sich alle fühlen“, so Zander. „Das war vor Covid, also sprachen wir von den USA im Allgemeinen, über Politik und wie die Dinge laufen. Ich denke, wir hatten alle das Gefühl, von einem Mob regiert zu werden.“

Pessimismus war jedoch noch nie ein Wesenszug von Cheap Trick. Zander betont, dass der Song ›Another World‹ „vielleicht ein dunkles Bild malt, aber man achte auch auf die Worte im Refrain: ‚We could be happy, in another world we could be free/There will be peace for you and me‘.“ „Es geht darum, das Gleichgewicht zu finden“, fügt Nielsen hinzu. „Ich denke, wir sprechen in einem Rockkontext realistischer über die Dinge. Wir versuchen nicht, wie Springsteen zu sein und allen vorzupredigen, wir zeigen nur einen Teil von unserem Leben. Das sind dreieinhalb Minuten Dinge, die wir beobachtet haben, die wir fühlen.“ Das Album endet mit einer bissigen Coverversion von John Lennons Protesthymne ›Gimme Some Truth‹. Entstanden in den Zeiten von Nixon und Vietnam, ist die Botschaft aktuell wie eh und je und hat in den 50 Jahren, seit Lennon sie aufnahm, nichts von ihrer Relevanz verloren. „Der Song war einer der ersten, an die ich für diese Platte gedacht habe, wegen der Lügen in unserem Land“, so Zander. „Nachdem wir ihn aufgenommen hatten, durchdrang er gewissermaßen das ganze Album. Alles schien in diesen Bereich zu passen.“

Die Verbindung zu Lennon passt dabei zu einer ganz bestimmten Erinnerung Nielsens, vor allem angesichts der Tatsache, dass ›Final Days‹ ein Riff von dessen ›Cold Turkey‹ zitiert. „Ich arbeitete mit John und Yoko bei den DOUBLE-FANTASY-Sessions an einem Song namens ›I’m Losing You‹“, erinnert er sich. „Ich war im Studio und spielte, und John sah Jack Douglas an und sagte: ‚Mein Gott, ich wünschte, ich hätte Rick auf ›Cold Turkey‹ gehabt. Clapton bekam einen Kloß im Hals‘.“ Auf dem Cover von ›Gimme Some Truth‹ ist auch der einstige Sex Pistol Steve Jones zu hören, der eine gebührend kratzbürstige Gitarre spielt. Er nahm die Einladung an, nachdem Zander und Nielsen in seiner Radiosendung „Jonesy’s Jukebox“ bei einem Sender in Los Angeles aufgetreten waren.

„Ich kenne Steve schon lange und Cheap Trick haben die Sex Pistols immer geliebt“, erklärt Nielsen. „Ihr Ansatz war so komplett anders als das, was wir machten, aber er hatte immer noch diese rohe Kraft. Also zeigte ich ihm eine Gitarre, die ich zum Sender mitgebracht hatte, und wir spielten zusammen zu etwas mit, das gerade ausgestrahlt wurde. Dann fragte ich ihn, ob er gerne auf einem Track mit uns spielen würde. Er mochte den Gedanken des Songs und es funktionierte perfekt. Jetzt können wir den Typen gar nicht mehr loswerden.“

„Als Bands kamen die Pistols und Cheap Trick etwa zur selben Zeit auf, also ergab es für ihn wohl Sinn“, fügt Zander hinzu. „Wir sind eine völlig andere Band, von simplen Balladen bis zu Vollgasnummern. Ich denke, deswegen schätzen uns Leute wie Steve Jones, denn er mochte die Intensität und die Vielfalt.“

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