Die größten unveröffentlichten Alben aller Zeiten: DEF LEPPARD

-

Die größten unveröffentlichten Alben aller Zeiten: DEF LEPPARD

- Advertisment -

Def Leppard 2Als sich Def Leppard mit Jim Steinman zusammentaten, erwarteten sie Großes. Was sie bekamen, war eine riesige Essensrechnung.

Als Def Leppard im Sommer 1984 zum ersten Mal Jim Steinman trafen, gab er ein emphatisches Motto aus: „Ich glaube, wir können zusammen wunderschöne Musik machen.“ Steinman hatte gerade als Produzent des vierten Def-Leppard-Albums unterschrieben: der Nachfolger des Sechs-Millionen-Sellers PYROMANIA. Die Band hatte schon mit der Arbeit daran begonnen und mehrere Demos auf einer einfachen Vierspur-Maschine aufgenommen.
Der selbstbewusste New Yorker hatte einen großen Ruf als Schöpfer eines der größten Rockalben aller Zeiten: Meat Loafs BAT OUT OF HELL. Als er in Dublin ankam, um die fünf Mitglieder der Band in dem Haus zu treffen, das sie sich in der St. Helens Road 1 im Viertel Booters Town teilten, drehte er mächtig den Charme auf.

„Wir saßen alle im Wohnzimmer und tranken Tee“, erinnert sich Frontmann Joe Elliott, „und Jim sagte: ‘Ich habe eure Demos gehört. Ich steh total drauf, Mann!’ Es war dieser typische amerikanische Bullshit.“ Gitarrist Phil Collen war beeindruckt von manchen Dingen, die Steinman sagte. „Er sprach davon, Phil Spectors ‘Wall Of Sound’ zu rekreieren und dabei Def Leppard treu zu bleiben. Das klang, als könnte es ziemlich cool werden. Doch als Steinman große Töne spuckte, läuteten die ersten Alarmglocken in Joe Elliotts Kopf. „Jim war ein lustiger Typ, sehr exzentrisch“, so Elliott, „aber du könntest dich auch 20 Minuten mit Charles Manson zusammensetzen und hinterher denken, hey, der ist gar nicht so übel. Und schon bei diesem ersten Treffen wurde uns klar, dass Jim in einem komplett anderen Orbit als wir war. Ich bekam dieses unwohle Gefühl.“ Doch es war zu spät. Der Vertrag war schon abgeschlossen: Steinman war ihr Mann. Das Ergebnis war einer der teuersten Fehler in der Geschichte des Rock’n’Roll.

Jim Steinman war nur acht Wochen lang Produzent von Def Leppard, bevor sie seinen Vertrag annullierten. Keine der Aufnahmen, die mit ihm entstanden, wurden je veröffentlicht. Erst nachdem er durch „Mutt“ Lange ersetzt worden war, konnten sie endlich das Album fertigstellen, das sie HYSTERIA nennen sollten. Für Def Leppard war die Arbeit mit Jim Steinman ein Desaster. „Wir dachten, wir hätten den Ferrari“, so Collen, „aber tatsächlich hatten wir einen gebrauchten Golf.“

Die Wahrheit ist, dass sie ihn nie als Produzent gewollt hatten. Sie hatten geplant, wieder mit Lange zu arbeiten, dessen Einfluss auf ihren Sound als Produzent und Co-Songwriter so wichtig war, dass sie ihn als „sechstes Mitglied“ ansahen. Doch im April 1984, nachdem Lange mehrere Stücke mit ihnen in Dublin geschrieben hatte, sagte er ihnen, er sei zu erschöpft, um ihr neues Album zu produzieren, nachdem jahrelang ununterbrochen gearbeitet und Hitalben für AC/DC, Foreigner und The Cars sowie eben für Def Leppard gemacht hatte. „Als Mutt uns damit überrumpelte, hatten wir eine Notfallsitzung“, so Elliott. Die Band traf sich mit ihren Managern Peter Mensch und Cliff Burnstein. „Wir waren verzweifelt“, gesteht er. „Wen zum Teufel holst du dir, um Mutt Lange zu ersetzen?“

Roxy-Music/Sex-Pistols-Produzent Chris Thomas und Trevor Horn, einst Mitglied bei The Buggles und Yes sowie Produzent von Frankie Goes To Hollywood, wurden angefragt. Beide sagten, sie seien zu beschäftigt. Auch Phil Collins wurde kurzzeitig in Betracht gezogen. Cliff Burnstein war es dann, der Steinman vorschlug. Seine Logik hatte jedoch einen Fehler: Steinman hatte zwar die Lieder auf BAT OUT OF HELL geschrieben, produziert worden war es jedoch von Todd Rundgren. „Steinman war kein Produzent“, so Elliott. „Darauf wies ich hin. Aber weil Mutt ein Produzent war, der auch beim Songwriting und den Arrangements mithalf, dachte Cliff, dass wir eher beim Songwriting als beim Klang der Platte Hilfe brauchten. Da lag er falsch. Doch damals war Steinman die einzige Option, die wir hatten, also engagierten wir ihn.“ Als Steinman eingestellt wurde, bat Elliott Lange um Rat, der ihm sagte: „Versucht es – und wenn es nicht funktioniert, schmeißt den Typen raus.“ Elliott lacht, wenn er über diesen Ratschlag nachdenkt. „Das ist genau das, was dann passierte, denn Steinman war weniger als nutzlos!“

Der 11. August 1984 war Steinmans erster Tag im Produzentensessel in den Wisseloord-Studios in Hilversum, Holland. An seiner Seite arbeitete Neil Dorfsman, den Collen als „fucking brillanten Toningenieur“ bezeichnet. Doch von Anfang an sah Elliott Ärger am Horizont. „Wir wärmten uns an diesem ersten Nachmittag auf. Wir spielten eine lockere, Stoneseske Version von ›Don’t Shoot Shotgun‹ – nur das Riff und einen Teil der Melodie. Wir hatten noch nicht mal den Refrain. Und Steinman sagte: ‘Ich glaube, das haben wir im Kasten’. Wir sahen einander alle an und Phil sagte: ‘Wir haben noch nicht mal unsere Instrumente gestimmt!’ Und Steinman erwiderte: ‘Yeah, aber es hat Vibe.’ Das war kein gutes Zeichen.“

Von da an ging es bergab. In den folgenden Tagen schlug Steinman einige Songtitel vor, darunter ›Use It Or Lose It‹. „Was er für einen guten Titel hielt, fanden wir scheiße“, so Collen. „Seine Ideen schienen etwas abgedroschen. Vielleicht war es ein Klassending. Es war offensichtlich, dass wir viel mehr ‘street’ als er waren. Jims Sachen waren etwas theatralisch, was super ist, aber halt nicht zu uns passt. Wir waren auf komplett entgegengesetzten Wellenlängen.“ Diese kulturelle Kluft zeigte sich bei einer weiteren von Steinmans Ideen. Für das geradeaus rockende ›Run Riot‹ schlug er Schnörkel im Stil von BAT OUT OF HELL vor. „Er wollte einen Synthesizer draufpacken“, so Elliott. „Da-da-da-da-da- da…wie Rick Wakeman auf ›Siberian Khatru‹ von Yes. Unserer Meinung nach hätte man keine schlechtere Idee haben können.“

Über acht Wochen arbeiteten Steinman und Def Leppard an sieben Stücken. Neben ›Don’t Shoot Shotgun‹ und ›Run Riot‹ waren das ›Animal‹, ›Women‹, ›Gods Of War‹, ›Love And Affection‹ – die es sämtlich auf die finale Version von HYSTERIA schafften – sowie ein Stück namens >Love Bites<, das später als – I wanna be your Hero – umgeschrieben wurde ,,Das waren Rohfassungen“, erklärt Collen. „Sie klangen… okay. Aber wir hatten sechs Millionen Einheiten von PYROMANIA verkauft, also wollten wir für den Nachfolger nicht weniger tun, sondern mehr.“ Elliott: „Wir wollten kein PYROMANIA II machen, sondern ein Meisterwerk der Produktion und des Songwritings. Wir wollten kein Album auf den Markt werfen, das genauso klang wie alles andere, das in diesem Jahr 1985 rauskam.“

Jim Steinman verstand Def Leppard einfach nicht so, wie Mutt Lange das tat. „Von Mutt bekamen wir diesen Fluss von Ideen und Inspiration“, so Collen. „Und darauf warteten wir bei Steinman. Und es passierte nie. Mutt will etwas Spektakuläres erschaffen – fast wie eine dritte Dimension, wo Gnus majestätisch vorbeiziehen… Steinman kam einfach rein und ließ uns aufnehmen. Und was er aufnahm, war nur gewöhnlich. Es klang nicht mal so gut wie unsere ursprünglichen Demos.“

Noch frustrierender für die Band war der Eindruck, dass Steinman sich nicht komplett auf den Job konzentrierte. „Wir kamen um 11 ins Studio“, erinnert sich Elliott. „Steinman stolperte um 3 hinein, weil er die Nacht aufgeblieben war, um BAT OUT OF HELL II zu komponieren. Er gab uns nicht seine ganze Aufmerksamkeit.“ Elliott behauptet außerdem, dass Steinman eine riesige Rechnung für Essen anhäufte. „Er sah sich eine Speisekarte an und bestellte eins von allem. Jeden Abend gab es auf unsere Kosten ein fucking Festbankett.“ Als Steinman dann noch Teppiche von höherer Qualität im Studio verlangte, hatte Elliott endgültig genug. Er sagte dem Rest der Band: „Wir sollten den Produzenten auswechseln, bevor wir den fucking Teppich auswechseln.“

Eine weitere Notfallsitzung wurde einberufen. Diesmal waren nur die fünf Bandmitglieder anwesend. „Das Problem war, dass Steinman nichts beitrug“, so Collen. „Und wenn du jemanden bezahlst, um dein Album zu produzieren, willst du, dass er besser ist als du – mindestens.“ Als die Sitzung vorbei war, wurden Mensch und Burnstein angerufen. Die Botschaft war: „Schmeißt diesen Typen raus!“

Mitte Oktober war Steinman weg. Neil Dorfsman ging mit ihm. Die Band stellte einen anderen Toningenieur ein, Nigel Green, der mit ihnen an PYROMANIA gearbeitet hatte. Sie nahmen mit Green bis zur Weihnachtspause auf, während da das Unvorstellbare passierte – Schlagzeuger Rick Allen verlor seinen linken Arm bei einem Autounfall an Silvester. Während Allen im Krankenhaus war, überredete er Lange, zurückzukehren und das Album fertigzustellen. Mit Lange wurde jedes Stück noch mal komplett neu aufgenommen. HYSTERIA erschien im August 1987 und wurde zum Riesenhit – dem größten Album in der Karriere von Def Leppard, das sich bis dato mehr als 20 Millionen mal verkauft hat.

Steinman bekam nie seinen neuen Teppich, aber seine Abfindung – laut Elliott „eine hohe sechsstellige Summe“. „Wir mussten eine Menge Platte verkaufen, um ihn auszuzahlen. Jim Steinman hat eine Menge Geld an Def Leppard für sehr wenig Arbeit verdient. Er ist in der Hinsicht ein ziemlicher Glückspilz.“

Fast 30 Jahre später hat Elliott immer noch eine Schachtel mit Kassetten, auf der „Hysteria: The Steinman Sessions“ steht. Und er hält es für beide Seiten besser, wenn diese Tapes ungehört bleiben. „Wir würden das Zeug nie veröffentlichen“, sagt er. „Nichts davon ist fertig. Es ist wie der schlechteste Bootleg, den du je gehört hast. Diese Tapes sind in meiner Bücherei weggesperrt. Und da werden sie auch bleiben.“

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Das Neueste

Meine erste Liebe: ALIVE! von Alex Winter

Als ich das Skript für den ersten „Bill & Ted“-Film erhielt, mochte ich sofort, dass diese zwei Typen aus...

Judas Priest: Tour-Verschiebung wegen Richie Faulkner

Vor wenigen Stunden veröffentlichten Judas Priest ein Statement, in dem sie erklären, warum ihre aktuelle U.S.-Tour verschoben werden muss....

Werkschau: Meat Loaf

Seine besten Ergebnisse erzielte er im Tandem mit Songwriter Jim Steinman. Ihr bombastischer, wagnerianischer Rock ist fast schon ein...

CLASSIC ROCK präsentiert: The Weight live!

Die Österreicher dürfen wieder spielen! Im Herbst kommt das Quartett auch nach Deutschland. Nachdem The Weight 2017 ihr selbstbetiteltes Debütalbum...
- Werbung -

Titelstory: The Beatles – ABBEY ROAD

Kurz nach dem „Alptraum“ der Aufnahmen zu LET IT BE begannen die Beatles mit der Arbeit an ihrem nächsten...

Status Quo: Gründungsmitglied Alan Lancaster gestorben

Alan Lancaster ist im Alter von 72 Jahren in seiner Wahlheimat Sydney, Australien gestorben. Das teilte sein Freund Craig...

Pflichtlektüre

Top 10: Die zehn ultimativen Songs der New Wave Of British Heavy Metal

Die Achtziger waren das Jahrzehnt der New Wave Of...

Status Quo: Rick Parfitt – “Ich komme nicht zurück”

In einem exklusiven Interview gab Status-Quo-Gitarrist Rick Parfitt bekannt,...
- Advertisement -

Das könnte dir auch gefallen
Für dich empfohlen