Jimmy Page: Der Gitarrenhexer im Interview

-

Jimmy Page: Der Gitarrenhexer im Interview

- Advertisment -

Fandest du einen Gleichgesinnten in Steve Albini, mit dem du dann an dem Page-&-Plant-Nachfolger WALKING INTO CLARKSDALE gearbeitet hast?
Ja. Er ist ein Gitarrist und ich mochte ihn sehr. Die Arbeit mit ihm war sehr gut. Das war ein sehr interessantes Album nach all dem Brimborium, das wir beim UNLEDDED-Projekt eingesetzt hatten. Der ganze Prozess des Songwritings mit Robert machte Spaß. Ich finde, 50% von WALKING INTO CLARKSDALE sind sehr, sehr, SEHR gut. Wenn ich mir die Sachen noch mal anhöre, bin ich superkritisch, aber ich finde, da sind wirklich grandiose Sachen drauf … Er singt toll, ich spiele gut, die Band ist im Einklang und wir haben ein paar gute Ideen.

2007 kamen Led Zeppelin noch mal für ein Konzert zu Ehren von Ahmet Ertegün im Londoner O2 zusammen. In „Anthology“ verrätst du, dass du damals zwei Abende statt nur einen spielen wolltest.
Ursprünglich waren zwei Abende geplant, mit uns an einem Abend, neben anderen Atlantic-Künstlern. Es war vorgesehen, dass wir ein halbstündiges Set spielen sollten. Aber ich sagte: „Ich probe nicht für eine halbe Stunde! Wir müssen Live Aid wiedergutmachen, und den 40. von Atlantic“. [Der Reunion-Auftritt für Live Aid in Philadelphia am 13. Juli 1985 wurde von nicht ausreichenden Proben, Pages nicht gestimmter Gitarre und Plants heiserem Gesang verhagelt. Ihre Show beim 40. Jubiläum von Atlantic am 14. Mai 1988 litt unter einer Meinungsverschiedenheit zwischen Page und Plant über ›Stairway To Heaven‹, als sie auf die Bühne gingen, und John Paul Jones’ Keyboards waren in der Fernsehübertragung nicht zu hören.] Ich dachte: „Wir werden da rausgehen und stolz darauf sein“, y’know? Was bedeutet, dass wir ein richtiges Set spielen müssen. Und das taten wir dann auch. Also yeah, ein zweiter Abend wäre sehr, sehr gut gewesen. Am nächsten Tag wurde ich tatsächlich gegen sieben Uhr abends richtig nervös, und ich dachte, ich weiß warum, denn ich hatte mich darauf eingestellt, noch mal im O2 zu spielen, aber jetzt gibt’s kein O2, wo ich spielen muss!

Led Zeppelin sind instinktiv auf Improvisation ausgerichtet. Ich kann mir vorstellen, dass man dieses Biest nur schwer wieder zum Einschlafen bringt, wenn es erst mal voll und ganz geweckt wurde.
Ich denke, das ist wahr. Wir hatten bis zu dem Zeitpunkt sehr viel Spaß bei den Proben gehabt, denn es waren hauptsächlich wir drei. Da waren Jason [Bonham], John Paul Jones und ich, die zusammen spielten, damit sich Jason wirklich wie ein Teil der Band fühlte, und nicht, als ob er nur dabei wäre, weil er Johns Sohn ist. Er war dabei, weil er ein verdammt guter Schlagzeuger ist, und es war richtig, dass er auf diesem Stuhl saß. Doch das musste er auch selbst wissen. Und ja, wir probten viel. Wir waren bereit dafür. Es hatte Gerüchte gegeben, dass es eine Tournee geben würde. Termine dafür waren nie gebucht worden, aber natürlich hatten wir uns so weit in Form gebracht, dass wir bereit dafür gewesen wären. Aber seither gab es keinerlei Gespräche mehr über eine Tour – und die wird es auch nicht mehr geben. So ist das einfach. Es ist eben eines dieser komischen, seltsamen Dinge in der Welt von Led Zeppelin, ein weiterer Teil des Phänomens Led Zeppelin.

Du hast einen formidablen Ruf als Musiker. Macht dir dieser Ruf selbst Angst? Fühlst du großen Druck, deiner Vergangenheit gerecht zu werden?
(lange Pause) Äh, nein … Nein, überhaupt nicht. Zu dem Thema: Als ich [1988] die OUTRIDER-Tour spielte, nachdem ich ein paar Jahre nichts getan hatte, wusste ich genau, was ich zu tun hatte. Also nahm ich ein Album auf, das mich zufriedenstellte bezüglich dessen, was ich erreichen und was ich als aktuelles Statement veröffentlichen wollte. Ich hatte das große Glück, mit John Miles zu arbeiten, der grandios war, denn er konnte die Chris-Farlowe-Parts singen, die Robert-Plant-Parts, die Paul-Rodgers-Parts und die John-Miles-Parts. Was tat ich also? Wenn ich also je wieder auf Tour ginge – nicht, dass ich das jemals wieder tun würde –, aber wenn, würde ich natürlich Sachen aus meiner Vergangenheit bringen. Jeder Aspekt ist ein Teil meines musikalischen Wachstums, was ich getan habe, was ich erreichen konnte und wo ich eine Pionierrolle einnahm. Ich hätte keine Angst davor, überhaupt nicht.
Nein, ich wäre davon inspiriert … Da hast du was Schönes.

Als du bei der Recherche zu „Anthology“ auf dein Leben zurückgeblickt hast, musstest du da feststellen, dass es irgendetwas zu bereuen gibt?
Reue kann sich in Groll verwandeln, nicht wahr? Und ich versuche, keinen Groll zu hegen. Das zu verarbeiten, macht Leben mehr zu einer Last. Das Leben besteht nun mal nicht nur aus Wein und Rosen. Für mich ganz sicher nicht mehr aus Wein. [Page trinkt seit einigen Jahren keinen Alkohol mehr] Es ist ein steiniger Weg und eine topografische Landschaft, durch die man manchmal nur schwer navigieren kann. Manchmal laufen die Dinge nicht ganz so, wie man es sich wünschen würde. Was soll man also tun? Man muss es neu denken. Man muss sich überlegen, wie man Dinge überwindet. Und in meiner Erfahrung gibt es, wenn man vor einem Hindernis steht, mehrere Wege, es zu umschiffen. Und egal, ob es dabei um Musik geht oder nicht, ich finde, dass es immer gut ist, wenn man eher positiv
als negativ denkt.

Wie ist es nun also, im Jahr 2020 Jimmy Page zu sein? In einer Zeit, in der man nicht mehr vor die Tür gehen kann, ohne dass jemand sein Smartphone auf dich richtet.
Wenn man in irgendeiner Weise mit den Medien zu tun hat, kann niemand mehr irgendwo hingehen, ohne dass jemand auf einen zukommt und ein Selfie will. Wenn man das bei Leuten in jedem anderen Beruf täte, die ihrem normalen Tagesablauf folgen, würde man dich wahrscheinlich verhaften. Das kann also etwas ermüdend sein. Es kommt darauf an, mit welcher Einstellung die Leute auf dich zukommen, aber ich bin höflich, also sind sie meistens auch höflich zu mir. Aber es ist auf jeden Fall ein Spießrutenlauf. Wenigstens bin ich keiner dieser großen Hollywood-Stars. Die befinden sich so ziemlich die ganze Zeit im Lockdown.

Was steht als Nächstes an? Arbeitest du gerade an irgendwelchen Projekten?
Bevor wir uns alle isolieren mussten, beschwerte ich mich u. a. darüber, nicht genug Zeit zu haben, um Gitarre zu spielen. Und jetzt kann ich tatsächlich sagen: „Da hast du’s, jetzt kannst du es jeden Tag tun“. Ich habe also die Gelegenheit bekommen, mich wieder richtig mit der Gitarre bekannt zu machen.

Kannst du uns etwas Konkretes sagen, die Ideen, mit denen du spielst?
Nein, nicht wirklich, aber natürlich mache ich immer irgendwas, und immer etwas, das die Leute überraschen wird. Wie als ich ein Spoken-Word-Projekt mit meiner Freundin machte [„Catalyst“ von 2019 mit der Dichterin Scarlett Sabet]. Das hatte niemand von mir erwartet, denn niemand hatte das je zuvor gemacht. Es war wirklich wunderbar. Aber ich habe immer Ideen. Der Tag, an dem ich aufwache und keine Ideen mehr habe, was ich tun und wie ich es tun könnte, wird ein sehr trauriger Tag für mich sein. Und es sieht so aus, als läge dieser Tag noch in einiger Entfernung.

Ronnie Wood sagte mir mal, dass jedes Mal, wenn er Jeff Beck begegnet, der ihn beiseite nimmt und ihm etwas zeigt, das er selbst gerade erst gelernt hat. Nimmst du immer noch manchmal abends die Gitarre in die Hand und überraschst dich selbst?
Wenn ich Gitarre spiele, übe ich keine Tonleitern oder so, das habe ich noch nie. Aber wenn ich spiele, bevor ich überhaupt weiß, wo ich bin, verwandelt es sich in etwas, das ich noch nie zuvor gespielt habe, und das ist es. Noch so etwas, wo ich nicht eines Tages aufwachen und feststellen will, dass ich es nicht mehr kann. Das ist wie ein Mantra, fast wie eine Trance, aber das ist es, was da passiert. Was uns zurück bis zu den Sachen wie ›Dazed And Confused‹ bringt. Aber so läuft es, wenn auch vielleicht nicht ganz so flüssig wie damals, doch es ist immer noch da. Also ja, ich kann Neues erschaffen, das tue ich auch, und mache mir Notizen dazu. Warum auch nicht?

Bist du tief im Inneren immer noch dieser begeisterte junge Kerl, der neugierig darauf ist, jede neue Möglichkeit zu erschließen, die seiner Gitarre innewohnt?
Nein, aber ich bin sein Urgroßvater.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Das Neueste

Videos der Woche: Alice Cooper mit TRASH

Trash. Zu Deutsch: Müll. Doch das Album sollte die Karriere des Gruselrockers nicht in die Tonne befördern, sondern zu...

In Memoriam: Peter Green

Er war Sänger, Songwriter und einer der besten Bluesgitarristen, die Großbritannien je hervorgebracht hat. Wir blicken zurück auf das...

Jim Breuer und Joe Elliott: Das liebe ich an BACK IN BLACK

Jim Breuer (Comedian und Beano-Imitator) "BACK IN BLACK prägte meine Teenager-Jahre. Es gab, als ich aufwuchs, einen Clash der Sub­kulturen…...

Rückblende: The Quireboys mit ›7 O’Clock‹

Dieser hochansteckende, aufpeitschende Fanliebling von Spike & Co. hatte in den ersten paar Jahren seiner Existenz nicht mal einen...
- Werbung -

Die reine Polemik!

Diesmal eher unpolemisch, dafür mit einer tiefen Verbeugung: vor zwei Typen, die 1973 etwas wahrhaft Großes schufen, das in...

Gamechangers: Guns N‘ Roses mit APPETITE FOR DESTRUCTION

Ob Buddy Holly, der den Kids beibrachte, eine Fender Stratocaster zu begehren, George Harrison als Pionier des amerikanischen Folkrock...

Pflichtlektüre

Guns N‘ Roses: Neue Musik von Izzy, Duff, Slash und Axl?

Laut dem Ex-Manager von Guns N' Roses hat Izzy...

Drummer-Götter: Die 20 besten Schlagzeuger

Auch die besten Schlagzeuger stehen selten im Rampenlicht, von...
- Advertisement -

Das könnte dir auch gefallen
Für dich empfohlen