Rückblende: Iggy And The Stooges mit ›Search And Destroy‹

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Rückblende: Iggy And The Stooges mit ›Search And Destroy‹

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Es begann mit James Williamson, der „rumalberte und Maschinengewehrgeräusche machte“. Die Kombination aus pumpendem Rhythmus und aggressiver Gitarre sollte den Song dann zur Blaupause für den Punk machen.

Ohne David Bowies scheinbar grenzenloser Chutzpe sähe die allgemeine Musiklandschaft heute ziemlich anders aus. Schon bevor Ziggy Stardust ihn zum Superstar machte, baute er sich sein Imperium auf. Und zum Glück für die Nachwelt hatte er sowohl ein Auge für Talente als auch den ehrenwerten Drang, seinen Tribut zu zollen. Die großen Einflüsse in seiner Metamorphose vom simplen Folkie zum pansexuellen Glam-Star wurden nicht unter den Teppich gekehrt, sondern gefeiert.

Die stagnierenden und niedergeschlagenenMott The Hoople wurden mit Bowies Song ›All The Young Dudes‹ wiederbelebt, Lou Reeds abschmierende Solokarriere nach Velvet Underground wurde gerettet durch seinen Job als Produzent von TRANSFORMER, das sowohl ›Walk On The Wild Side‹ als auch ›Perfect Day‹ hervorbrachte.

Und dann war da noch Iggy. Als Bowie ihn in der berüchtigten Spelunke Max’s Kansas City in New York aufspürte, lebte Pop von wenig mehr als seinem Witz und Charisma. Er hatte den Punk mit der missmutigen Brutalität der Stooges schon einmal erfunden, doch als ihr zweites Album FUNHOUSE in den internationalen Märkten nicht gut ankam, ließ das Label Elektra sie fallen und die Band löste sich auf.

Doch wo die Erbsenzähler der Musikindustrie nur riskante Investitionen sahen, erkannte Bowie wahres Potenzial. Er brachte Iggy und James Williamson (Gitarrist, Co-Songwriter und -Verschwörer beim finalen Stooges-Line-up) nach London, fädelte einen Vertrag für ein Album mit CBS ein und machte sich daran, gleichgesinnte Einheimische an Bord zu holen, um ein wesentlich bodenständigeres und stabileres Line-up auf die Beine zu
stellen. Das war zumindest der Plan.

„Wir landeten mitten im Ground Zero des Glam“, erinnert sich Williamson. „Wir hingen bei [Bowies Manager] Tony DeFries im Büro ab und trafen Musiker, die eventuell zu uns passen würden. Es kamen Leute von den Pink Fairies, lauter verschiedene Musiker, doch es war die Zeit der üppigen Frisuren und Rüschenmanschetten, und das waren einfach nicht wir. Wir sind zwei Typen aus Detroit, wir verstehen sowas nicht. Ich meine, wir konnten ja selbst Bowies Band kaum tolerieren. (lacht) Ich freundete mich dann zwar ziemlich gut mit Mick Ronson an, aber sie kamen aus einer komplett anderen Welt.“

Und so kam es, dass ein Anruf nach Detroit getätigt wurde. Die Original-Stooges Ron und Scott Asheton stiegen wieder in die Band ein, die nun dezent, aber vielsagend in Iggy And The Stooges umbenannt wurde. Die Ashetons waren hocherfreut, wieder dabei zu sein, doch es gab einen Zankapfel, der noch nicht wirklich angesprochen worden war. Auf den ersten beiden Stooges-Alben war Ron Asheton der Gitarrist der Band gewesen, doch nun, da die Leads des später rekrutierten James Williamson im Vordergrund standen, war er zum Bassisten (seiner Ansicht nach) degradiert worden. „Mir wird vorgeworfen, ich hätte Ron verdrängt“, so Williamson, „dabei war ich es, der ihn zurückholte. Ron war außerdem Bassist gewesen, bevor er Gitarrist war.“

Geprägt von den neuesten Kompositionen aus der Feder von Pop und Williamson, vor allem der definierenden Rage des Openers ›Search And Destroy‹, gründete das Album, das letztlich RAW POWER betitelt wurde, auf einem fundamental anderen Stooges-Sound, bei dem es für Ashetons Gitarre schlicht keinen Bedarf gab.

„Zunächst war Ron begeistert, den Job bekommen zu haben. Wir verstanden uns gut, doch später nagte das an ihm. In dem Stil, den ich für RAW POWER entwickelt hatte, war einfach kein Platz für irgendjemand anderen. Die Gitarre füllte alles aus.“

Was einen beträchtlichen Teil der Magie dieses Albums ausmachte. Über die gesamte Platte verfeinert die Kombination von pumpendem Rhythmus und beißend aggressiven Lead-Breaks einen Gitarrenstil, den später Sex Pistol Steve Jones und zahllose andere aufgriffen. Doch nirgends wurde diese langlebige Blaupause für die Zukunft des Rock effektvoller und passender eingesetzt als auf ›Search And Destroy‹.

„›Search And Destroy‹ entstand im RG Jones Studio in Wimbledon“, erklärt Williamson. „Bei einer Pause während der Proben fing ich an, herumzualbern, und machte mit der Gitarre Maschinengewehrgeräusche. Und da ging mir ein Licht auf. In unserer damaligen Wohnung in Chelsea arbeitete ich dann den Rest des Songs darum herum aus.“

Textlich waren der Song und sein Titel von einem Artikel im Time Magazine über den Vietnamkrieg inspiriert worden. „Iggy ist jemand, der in einem Gedankenfluss schreibt. Er hatte in den Zeitungen viel über Vietnam gelesen, und mit der Maschinengewehr-Gitarre lag die Assoziation nahe. Außerdem passt es zu seiner Gepardenjacke.“

Ein Detail, das die inhärente Dualität des Songs definiert. ›Search And Destroy‹ funktioniert als eine Komposition, die im Wesentlichen aus der Malaise der Vietnamkriegsära geboren wurde, denn der Text strotzt vor Bezügen wie „firefights“, „nuclear A-bombs“ und „radiation“. Die Zeile „I’m a street-walking cheetah with a heart full of napalm“ passt aber ebenso gut als Porträt von Iggys berüchtigter Bühnenfigur. Es ist eindeutig, dass der Protagonist des Songs ein anonymer GI ist, der mit totem Blick ins Mekongdelta starrt. Der „world’s forgotten boy“ ist Iggy Pop und wird es immer bleiben. Und wie Williamson festhält, falls jemand noch irgendwelche Zweifel haben sollte, steht Iggy auf der Rückseite der Plattenhülle und posiert demonstrativ in seiner Kunstlederjacke mit Gepardendruck.

Die Grenzen von Bowies ursprünglichem Mix von RAW POWER akzentuieren dabei noch die gitarrengetriebene Aggression von ›Search And Destroy‹. „Zunächst gefiel niemandem in der Band der Mix, doch das Problem war, dass er nicht viel hatte, womit er arbeiten konnte“, gesteht Williamson. „Iggys Konzept, die Live-Energie der Band einzufangen, wurde nicht sehr gut umgesetzt. Es gab nicht genug Isolation, und überall flossen die verschiedenen Elemente ineinander. Bowie versuchte, daraus etwas Schlüssiges zu fabrizieren.“

Und das gelang ihm ganz gut. Es ist gewiss kein THE DARK SIDE OF THE MOON, doch als Grundstein des Punk könnte es nicht besser sein. „Das ist der beste Mix. Der historische Mix“, fasst Williamson zusammen. „Denn den Bass und das Schlagzeug so weit runterzusteuern, dass man sie fast nicht mehr hören kann, lässt die Gitarre umso fantastischer klingen. Jack White hat daraus eine ganze Karriere gemacht.“

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