Snowy White im Interview: Gegen den Zerfall | uncut

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Snowy White im Interview: Gegen den Zerfall | uncut

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Ach, manchmal muss ich einfach nachdenken und dann kommen irgendwie Dinge raus, die sich vielleicht nicht nach einer 29-Jährigen anhören.

Naja, deine Stimme klingt natürlich jung, aber der Inhalt nicht. Du hast schon auch ein bisschen Weisheit in dir.

Ich versuche mein Bestes.

Kommt das von deiner Arbeit als Journalistin?

Hmm. Vielleicht weil ich mit so vielen weisen Menschen wie dir sprechen darf und mir so meine Weisheiten zusammensuche. (lacht) Ich weiß nicht, wahrscheinlich kommt das dabei raus, wenn man ab und zu innehält und einmal abseits der Gedanken denkt, die einen im Alltag verschlingen. Und abseits des ganzen Konsumierens, das einen sonst ständig beschäftigt hält.

Ja, es gibt heutzutage wirklich komisch Menschen. (lacht) Vor allem im Internet, das ist echt seltsam. Ich bin mir sicher, dass du auf Facebook bist, aber manche Leute existieren irgendwie gar nicht mehr, außer sie existieren auf Facebook. (lacht)

Fast schon beängstigend.

Das ist genau die richtige Wortwahl. Das ist beängstigend und ich bin froh, damit nichts zu tun haben zu müssen.

Du bist also kein regelmäßiger Facebook-User, nehme ich an? (lacht)

(lacht) Naja, ich hatte sogar eine Facebook-Seite. Irgendein Kerl hatte in meinem Namen eine Facebook-Seite aufgesetzt und einige meiner Freunde machten mich darauf aufmerksam. Ich fand den Typen sogar und sprach ihn darauf an und fragte: Was tust du denn da? Und er meinte: „Ich wollte dir einfach nur helfen.“ So ist das heutzutage, unglaublich. Ich forderte ihn auf, die Seite zu löschen und er bot mir stattdessen an, mir die Seite zu übergeben. Also kam ich zu dieser Facebookseite, die schließlich von meiner Fan-Club-Leiterin Tracey übernommen wurde. Ab und zu schaut leitet sie mir mal etwas davon weiter, aber ansonsten habe ich damit nichts zu tun.

Live-Shows wirst du wirklich keine mehr spielen?

Nein, das war es mit dem Live-Spielen.

Das ist aber schon traurig.

Naja, du hast mich das jetzt sagen hören und nächstes Jahr am Telefon kannst du mir dann vorwerfen, dass ich doch einen Gig gespielt habe. (lacht)

Solange dieser eine Gig in Deutschland sein wird und ich hinkommen kann, soll mir das recht sein.

Ein Veranstalter aus Osnabrück fragt mich ständig, noch ein letztes Konzert zu spielen… Wo lebst du denn?

Bei München.

Ach, bei München. Das ist ja weit weg.

Naja, ich würde mich schon in einen Zug setzen.

Ach, das ist aber ein langer Weg. Schau, genau da liegt das Problem: Deswegen möchte ich nicht mehr spielen. Da ich nur noch selten auftrete, gibt es manche Leute, die wirklich eine lange Anfahrt auf sich nehmen, nur um mich zu sehen. Und wenn ich dann einen Haufen Mist abliefere, würde ich mich sehr schlecht fühlen.

So darfst du doch gar nicht denken! Das ist das falsche Mindset.

Ha, findest du wirklich? Ich sag dir warum du das so siehst: Du kannst meine Finger nicht fühlen, so wie ich sie an der Gitarre spüre.

Das stimmt. Aber im Endeffekt geht es dich ja nichts an, wie lange ich fahre, um dich spielen zu sehen. Du zwingst mich ja nicht dazu.

Das stimmt natürlich, das liegt bei dir. Aber den Stress brauche ich nicht, weißt du. (lacht) Es sind ja nicht nur diese paar Minuten auf der Bühne. Da hängt ja so viel dran. Wir müssen proben, am Set arbeiten, das mit dem Equipment und dem Geld klären, der Transport. Weißt du, was ich meine. Und dann gehe ich auf die Bühne und ich spiele nicht so gut – das ist es dann doch wirklich nicht wert. (lacht)

Ich verstehe das schon. Aber falls du deine Meinung änderst und das kann ja passieren, das haben wir ja schon besprochen…

Ja, stimmt. Das einzige, was ich mir vorstellen könnte, ist ein Gastauftritt bei dem Gig von jemand anderem. Das würde ein wenig Stress rausnehmen. Und wenn es nicht gut klingt, kann ich es immer noch den anderen Musikern in die Schuhe schieben.

Das ist eh immer am Besten: „Der Schlagzeuger ist schuld!“

(lacht) Ja, es ist immer die Schuld des Schlagzeugers. (lacht)

Ein weiteres Weisheits-Puzzleteil, das ich gerade sammle und abspeichere.

Es ist immer die Schuld des Schlagzeugers. (lacht)

Naja. Ich denke wir sprechen uns eh nächstes Jahr wieder, wenn du dein Instrumental-Album rausbringst. Deswegen spare ich mir jetzt eine überschwängliche Verabschiedung…

Hervorragend. (lacht)

Danke, dass du dir die Zeit genommen hast.

Ich danke dir.

Alles Gute für den Release und ich freue mich schon auf deinen nächsten Streich…

Du hast mich tatsächlich ein wenig inspiriert mit deinem Instrumental-Album. Das werde ich im Hinterkopf behalten und wenn ich im Studio sitze, werde ich an dich denken und mir denken: Diese verdammte Jacqueline hat mir diesen Floh ins Ohr gesetzt. (lacht) Es ist also nicht immer die Schuld des Schlagzeugers, manchmal ist es auch die Schuld der Journalistin. (lacht)

5 Kommentare

  1. DAS ist die Art von Interview die ich gerne viel öfters lesen möchte. Nicht ein distanziertes Runterreissen der ewigen gleichen Fragen, sondern ein interessantes Gespräch zweier Menschen, das natürlich noch interessanter ist wenns zwischen jung und alt stattfindet. Geht natürlich nicht mit jedem Musiker, klar, geht auch nicht mit jedem Journalisten. Aber genau so wie hier finde ich es mit Abstand am lesenswertesten, weil man den Menschen hinter dem Musiker und dem Journalisten spürt. Danke Jacqueline, wirklich klasse!

  2. Eines wie ich meine besten Interviews dass ich gelesen habe. Bei beiden Protagonisten war der verbindende Spirit vorhanden.
    Es berührt mich positiv was beide an Gedanken formuliert und miteinander ausgetauscht haben.
    Mr. White und Frau Floßmann sind trotz ihres Altersunterschiedes Seelenverwandte.
    Das Interview ist berührend und für mich als älterer Zeitgenosse ( *1951 ) wohltuend, denn ich selbst spiele oder spielte
    selbst Gitarre, in früheren Zeiten auch in Bands, finde mich bei den Aussagen von Mr. White was das zunehmend schwerer werdende Spiel auf meiner geliebten Gitarre angeht wieder.
    Die wiedergegeben Lebens-Erfahrungen von Mr. White und die Fragestellungen von Frau Floßmann wieder spiegeln eine Symbiose des gegenseitigen Verstehens. Das findet man in dieser Form nicht oft.
    Danke für dieses wunderbare Interview mit einem Musiker der meiner Meinung nach ohne Star-Allüren zu den meiner Meinung nach besten Gitarristen zählt die im besten Zeitraum der Blues-Rock-Musik zu Gange waren und noch immer sind.
    Das neueste Album von Mr. White ist ein Beleg dafür, ich liebe es……….

  3. Hallo Rolf, hallo Jürgen. Vielen Danke für die netten Worte, es freut mich sehr, dass ihr das Interview ähnlich positiv empfindet wie ich selbst. Nach diesem Gespräch war ich mehrere Wochen später immer noch berührt von den 45 Minuten mit Snowy White und musste viel über seine Worte nachdenken. Einer der ganz (stillen) Großen mit so viel Gefühl und einem Gitarrenspiel, das seinesgleichen sucht. LG, Jacqueline

  4. Hallo Jacqueline,

    wie ich gelesen habe, wohnst du bei München. Ich in selbigem. Da kam mir ein Gedanke, kennst du einen Rock-Stammtisch oder hättest Interesse sowas versuchen zu begründen? Mir fehlt oft Gesellschaft für einen derartigen Austausch, außer eben virtuell. Da fände ich es schön, wenn sowas mal wieder in echt und physisch möglich wäre. Leute für sowas sollte es hier eigentlich genug geben, aber kennen müsste man sie, drum mein Gedanke. Da wir ja alle noch unfreiweillig viel Zeit haben bis sowas wieder organisierbar ist…vielleicht magst dir das ja mal durch den Kopf gehen lassen.

    Dir und der gesamten Redaktion jedenfalls ein rockiges FROHES WEIHNACHTSFEST. Gerade jetzt und trotzdem!
    Jürgen

  5. ……wünsche Ihnen ( Dir) Jacqueline und allen Classic- Rock – User(innen) ein paar schöne Feiertage bei guter Musik und
    dem ein oder anderen guten Tropfen………

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